
[... denn was willst du schon verlieren?] Barack Obama wurde am 4. November 2008 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die ganze Welt fieberte mit und verkündete die von ihm so oft propagierte “Change”, die Veränderung. Den Wandel. Ich kann mich an keinen Politiker erinnern, welcher die Menschen so sehr bewegte, und mich mehr und mehr mit seinen Reden zu Tränen rührte. Ich wünsche mir eine Politik wie die seine in einem Land wie dem meinen. Für Österreich.
Laut den Medien schreibt Obama vor allem wegen seiner Hautfarbe Geschichte. Der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Hautfarbe ist mir, man kann es wohl so sagen, gleichgültig. In seinen Reden von “one people”, also einem Volk, soll man nicht nur auf die Hautfarbe schielen. Aber Barack Obama hat etwas geschafft, was allen Politikern der Welt fehlt. Er bewegt Menschen.
Werfen wir doch mal einen Blick auf die österreichische Politik. Es gab nie einen Politiker, der so – sagen wir – verzaubernd war, wie er. Selbst Bruno Kreisky nicht, der wohl immer (vor allem von sozialdemokratischer bzw. linker Seite) genannt wird, wenn man vom guten, alten Sozialstaat spricht. Kreisky wird im Nachhinein maßlos überschätzt und über seinem Preis verkauft (und das ist wiederum meine sehr eigene Meinung). Kein Politiker, seit meinem früh erweckten Interesse an Politik stach heraus. Und hatte das, was ich an Obama so schätze: Das Vereinende.
Man könnte sagen, österreichische Politiker (wie es in Europa aussieht, möchte ich nicht erwähnen) sind die ärgsten Schnarchnasen der Welt. Versprechen vor der Wahl das Goldene vom Himmel, um dann im Kanzlersessel “zu ruhen”. Ich sage hiermit nicht, dass sie etwa nicht arbeiten … beileibe, nein. Aber ihre Politik wird immer unzugänglicher, immer “unmenschlicher”, immer abgehobener. Kein Politiker, dem ich jemals die Hand schüttelte (und das sind schon viele ehemalige und aktuelle Spitzenpolitiker der Parteien), gab mir jemals das Gefühl, an mir Interesse zu haben. Kein Sozialdemokrat, keiner der Volkspartei oder auch der Grünen. Dass sich die FPÖ und das BZÖ nicht für den Menschen im Allgemeinen interessiert, war mir schon von vornherein klar.
Ein Obama für Österreich, wie müsste er wohl aussehen? Es geht nicht um Aussehen, um Migrationshintergrund, um Hautfarbe oder Geschlecht: Jeder hat das Zeug dazu, und ich denke, auch in Österreich hat man die Macht dazu, alles zu erreichen. Was muss man ändern, wie muss man agieren? Man muss vielleicht weg von der Neutralität, welche in ihren früheren Grundsätzen nicht mehr besteht. Man muss die Idee des Nationalstaates überdenken und sich mehr und mehr in Richtung Europa entwickeln. Man muss die Menschen unterstützen, muss ihnen Hoffnung schenken, so wie Obama es auf unglaubliche Art und Weise schaffte.
Die Obama-Politik geht in die Geschichte ein als die erfolgreichste Bottom-Up-Aktion aller Zeiten. Von unten beginnend schlug die Obamamanie ihre Wellen, bis ein ganzes Land von Süden bis Norden, von Osten bis Westen diesen Menschen kannte. In Österreich steckt so viel Potenzial, und es wäre vielleicht der beste Nährboden für einen Test, um herauszufinden, ob das in Amerika sehr erfolgreiche Projekt auch in einem europäischen Land funktioniert. Ich kann mir schon eine solche Welle vorstellen, und wer in diesem Zusammenhang an Morton Rhues Buch denkt, versteht mich nicht. Wir brauchen keinen Populisten im Stile von Jörg Haider oder Heinz-Christian Strache. Wir brauchen Politiker, die auf die Menschen hören, und richtige Lösungen bieten.
Mir gefielen die Worte “I won’t be the perfect president” (oder so ähnlich). Niemand kann perfekt sein. Doch genau das dachte Alfred Gusenbauer, Wolfgang Schüssel, Viktor Klima, Franz Vranitzky und Konsorten. Zurzeit geht es vor allem darum, die stimmenstärkste Partei zu sein (und seien die Verluste noch so groß und der Abstand zum Zweiten minimal). Ein Typ wie Obama würde unzählige Nichtwähler motivieren, wieder ihre Stimme abzugeben. Ein Typ wie Obama könne auch die Jungen wieder dazu bringen, sich mehr für Politik zu interessieren. Vielleicht ist die Jugend – verallgemeinernd gesagt – rechts. Aber der Rest Linkswähler, ob SPÖ (die Linkslastigkeit der Partei wird immer umstrittener), Grüne oder LIF (oder KPÖ, Linke usw.) hätte durch einen Obama ein Vorbild, eine Ikone. Was ein gewisser Faymann und ein Molterer definitiv nicht waren, wenn ich mich nur sehr vage an die letzte Diskussionsrunde im TV erinnere. Die Politik der letzten Jahre ist niveaulos, sie unterstützt meine Diagnose der eigenen Politikverdrossenheit. Für mich sind die Politiker, und sollten sie noch viele Doktor- oder Magistertitel haben, heutzutage einfach nur dumm.
Hoffnung. Veränderung. Die Politik der schwarz-blau-orangen Regierung von 2000-2006 war zutiefst – um in Amerika zu bleiben – republikanisch. Die Lobbys gewannen an Macht, und der seit langem angeprangerte Proporz ging ohne Halt weiter. Was wir brauchen, und wir sind ein kleines Land, ist eine Politik, die den Menschen unterstützt. Dass die Wirtschaft Anhaltspunkte braucht, um nicht ins Ausland auszuwandern ist natürlich verständlich. Aber es ist doch einfach nur bescheuert, die Reichen steuerlich weiter zu begünstigen, wenn mehr und mehr Menschen in die Armut schlittern. Diese Art der Politik (der Parteien aller Coleurs) erzeugt bei mir nur Kopfschütteln.
Ich wünsche mir einen Obama für Österreich. Einen Menschen, der die Österreicher wieder zur Politik bewegt. Jemand, der den Menschen Hoffnung schenkt und für (positive) Veränderung steht. Einen Menschen, der diese 8,7 Millionen in Österreich lebenden Menschen als ein Volk sieht. Und nicht Menschen mit migrantischem Hintergrund pauschal verurteilt. Oder immer noch Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexualität macht. Wir sind ein Volk, liebe Leute. Und das bedeutet auch, dass wir die Immigranten bei ihrer Integration (die ich übrigens für vollkommen wichtig halte) sehr stark unterstützen. Und das passiert in der aktuellen Politik einfach nicht. Und mit dem “one people” käme man endlich meinem (möglicherweise viel zu naivem, aber wundervollen) Traum näher.
One World. One Love. One Unity.
Ich bin gespannt, welche Partei als Erste die Obamaisierung der Politik versucht. Jetzt, genau zu diesem Zeitpunkt wäre der Beginn dieses Versuchs perfekt. Und nicht erst 100 Tage vor der nächsten Wahl. Ich bin gespannt.
Dein ein österreichischer Obama könnte nicht nur die Menschen dazu bewegen, sich für Politik zu interessieren, sondern er könnte auch zeigen, dass die Politik noch dazu manchmal zutiefst menschlich ist. Und gerade das finde ich daran so schön.
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