“Ruiniert die Polizei unsere Stammtische?” – Eine extrem dumme Debatte und die OÖN

Die Oberösterreichischen Nachrichten, mit Qualitätsjournalismus schon lange nicht mehr gesegnet, hat im scheinbaren Winterloch (die Finanzkrise und das Schimpfen gegen die neue Große Koalition ist wahrscheinlich auch nicht mehr so der Hit) den besten Aufhänger aller Zeiten gefunden. Es sei doch eine Unverschämtheit, was die Polizei sich in den letzten Tagen erlaube. Da halten sie doch wirklich Autos auf, um den/die FahrerIn auf Alkohol zu testen. Das ist doch eine Unverschämtheit.

Und wäre das noch nicht zu banal, lud man natürlich auch noch zu einem runden Tisch. Unter dem Titel “Ruiniert die Polizei unsere Stammtische?” lud die Bezirks-VP unzähle Gastwirte und Vertreter der Polizei, in – das war ja natürlich klar – ein Gasthaus in Vöcklamarkt Am Podium selbst befand sich Anton Hüttmayr, VP-Bezirksobmann in Vöcklabruck, Landtagsabgeordneter in Oberösterreich und Bürgermeister von Puchkirchen; Gerhald Fellner, der Wirtesprecher für den Bezirk Vöcklabruck, Klaus Decker, der Leiter des Verkehrsreferats des Bezirkspolizeikommandus und Günther Seeleitner, der Braumeister der Brauerei Zipf. 

Den wundervollsten Ausspruch machte für mich Anton Hüttmayr:

Wir müssen die Sorgen der Wirte ernst nehmen. Das ist geschäftsschädigend, was in den letzten Wochen passiert ist. Die Leute empfinden es als schikanös, dass ihnen hinter jedem Busch aufgelauert wird.

Ich möchte das hier einfach mal so stehen lassen. Für mich strotzt einfach die gesamte Diskussion vor lauter Dummheit. Ich frage mich nur, wie ein Politiker so dermaßen dumm und niveaulos sein kann. Ein Wort, das mir zu Anton Hüttmayr gerade eingefallen ist, scheint perfekt zu passen: zutiefst provinziell. 

Soll man so der Jugend ein Vorbild sein? “Wenn i trink, dann fahr’ i ned … wenn i fahr, dann trink’ i ned” war ja vor einigen Jahren der Leitspruch, um den Alkohol am Steuer von Führerscheinneulingen offensiv entgegenzutreten. Dass nun die alteingesessenen Stammtisch-Sitzer nun plötzlich auch nichts mehr trinken sollen, ist ja wohl wirklich eine Frechheit. Diese schreckliche Zweigleisigkeit unserer Gesellschaft nervt. Und das musste endlich mal raus.

1982 schwere Unfälle erzeugten Alkolenker in ganz Österreich von Jänner bis September dieses Jahres. Herr Hüttmayr hatte wohl Glück, bis jetzt noch nie davon betroffen gewesen zu sein. Und interessant ist auch die Meinung des Landtagsabgeordneten Helmut Kapeller von der SPÖ.

Die verstärkten Polizeikontrollen im Bezirk Vöcklabruck schlugen sich in einer Verringerung der Todesrate durch Verkehrsunfälle um fast zwei Drittel nieder.

Was ist jetzt wichtiger? Der Umsatz der Wirte oder sichere Straßen. Denn … und das weiß ich aus Erfahrung: Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben. Und so gut schmeckt Bier ja nun auch wieder nicht.

3 Antworten zu „“Ruiniert die Polizei unsere Stammtische?” – Eine extrem dumme Debatte und die OÖN“


  1. 1 5. Dezember 2008 um 7:48 nachmittags

    Puh, bin ich froh, dass ich von dieser Debatte bisher noch nichts mitbekommen hatte… das ist genau diese Doppelzüngigkeit, die mich im Zusammenhang mit Alkohol (nicht) am Steuer schon seit Jahren anwidert (vgl. auch die Debatte um “Komasaufen”: böse trinkenden Jugendliche, brave trinkende Erwachsene (= role models)).
    Man sieht, dass es bei den Führerscheinneulingen funktioniert, aber anstatt sich über eine hoffentlich auch in Zukunft vernünftigere Generation zu freuen, greint man von den armen Wirten, die nichts mehr verdienen (btw: Meistens sind antialkoholische Getränke (außer Mineralwasser) im Verhältnis sowieso teurer als Bier).
    Meine Hoffnung bleibt, dass die “typisch österreichische” Alkoholverharmlosungskultur irgendwann doch den Status eines Naturgesetzes verliert. Nicht trinken und fahren, nicht fahren und trinken sowie Fahrgemeinschaften werden doch auch für “richtige Erwachsene” zu schaffen sein…

  2. 2 Sebastian 6. Dezember 2008 um 2:44 nachmittags

    Ich bin auch am Land aufgewachsen, ich kenn diese Doppelmoral. In dem konkreten Fall wird’s vermutlich politisch motiviert sein (ein SPÖ-Abgeordneter sagt, dass zwei Drittel weniger Leute tot sind, eine Gruppe ÖVPler trauert um die Wirtshäuser), aber meistens geht’s einfach um die persönliche Faulheit.

    Erwachsene jammern gerne gegen Komasaufen und vergessen dabei, dass sie selbst nicht viel besser waren, dass das größte Alkoholproblem bei den ca. 400.000 Alkoholiker/innen besteht, die eben keine Jugendliche sind – aber dann müsste man ja eingestehen, dass es vielleicht doch nicht so klug ist, sich vor Kindern bei Familienfeiern anzusaufen, teilweise sogar die Kinder mitsaufen zu lassen. Aber wehe, das Kind sauft dann zu viel.


  1. 1 Blogistan Panoptikum KW49 2008 auf datenschmutz.net Trackback zu 7. Dezember 2008 um 7:32 nachmittags

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