

Der heutige Tag des BarCamps begann mit einer sehr interessanten Session von Christoph Chorherr, dem Grünen Landtags- und Gemeinderatsabgeordneten in Wien, welcher durch seinen Blog und seine Aktionen einen sehr hohen Bekanntheitsgrad hat.
Herr Chorherr betrachtet den Internetwahlkampf zur diesjährigen Nationalratswahl als den ersten großen Durchbruch. Das Internet ist eine so mächtige Infrastruktur und wird von den meisten Politikern und Medien einfach noch unterschätzt. Chorherr selbst ist fasziniert von all den Möglichkeiten. Er versteht vor allem nicht, warum Politiker aus der 2., 3. oder vierten Reihe nicht bloggen. Dadurch könnten sie ihre Meinung offenlegen und bekämen dadurch mehr Gehör, als sie es normalerweise bekommen würden.
Er selbst benötigt ungefähr 3 Stunden pro Woche für sein Blogeinträge. Anfangs hatte er auch über die möglichen Probleme durch Kommentar-Bashing nachgedacht, sich aber schließlich von Anfang an auf die offene Kommentarmöglichkeit eingestellt. Er hat es auch in seinem About-Text erklärt, dass er sich das Recht vorbehalte, dumme Kommentare einfach zu löschen. Es hat sich aber alles selbst reguliert, in der Lebenszeit seines Blogs, seit Mitte 2005, löschte Chorherr erst einen (!) Kommentar.
Chorherr bemerkte, dass der Blog als sein privater Raum angesehen wird. Er schreibt darin seine Ideen und Meinungen zu (grünen) Politthemen. Und um auf die verschiedenen „Blogs“ der anderen Politiker, welche vor der Wahl nur so aus dem Boden sprossen, sagt er: Die Leute wollen spüren, dass man selbst schreibt. Erst durch dieses Engagement wird man auch vom einsetzenden Besucherstrom ernst genommen.
In letzter Zeit, vor allem durch verschiedene Aktionen vor der Wahl ist die Besucherzahl auf seinem Blog stark gestiegen. Das zeigt, dass es eben doch Interesse für Politik gibt. Er versucht es mit einer differenzierteren Herangehensweise und schreibt eben über Themen, die auch die Bundesgrünen gerne vermissen lassen. Denn selbst auf der Grünen-Homepage gab es keine Wahlanalyse des Ergebnisses, Chorherr veröffentlichte seine umfassende Analyse schon einen Tag nach der Wahl.
Eine sehr gute Aktion, war die sogenannte Plakataktion. Er wollte wissen, was die Leute gerade interessiert, wofür die Grünen stehen sollten. Und rief, in Zusammenarbeit mit Helge Fahrnberger, die Leute dazu auf, selbst eigene Plakate zu gestalten. Innerhalb kürzester Zeit kamen 170 wirklich gute Plakate zustande, Medien wurden aufmerksam und berichteten darüber. Schließlich stellte es Chorherr, der das ja eher spontan startete, dem Bundesvorstand der Grünen vor, und deswegen wurden die Gewinner-Plakate auch wirklich plakatiert. Und dadurch haben viele aus dem Bundesvorstand erst verstanden, was es mit dem Web 2.0 auf sich hat.
In einem seiner letzten Beiträge, jener zur Kenia-Koalition, stellt er ganz einfach die Frage, was die Leute von dieser Art der Koalition (Rot-Schwarz-Grün) halten. Innerhalb weniger Stunden hatte er 50 Kommentare mit qualifizierten Äußerungen. Zu seinem Vorstoß, dem Einbau von Videos in seinen Blog, hat er sich anfangs zwar gewehrt. Jetzt macht es ihm Spaß und er merkt, dass vor allem Jüngere sich lieber die Videos ansehen, als sich die langen Texte durchzulesen.
Im weiteren Verlauf zitierte Chorherr kurz aus der aktuellen Ausgabe des Profils, laut welchem beinahe 50% der unter 19 Jährigen eine Rechtspartei wählten. Zum Wahlkampf selbst sagt er, dass stark fernsehorientiert war, und außerdem zutiefst antiaufklärerisch.
Als weiteren positiven Blogger der Grünen zeigte Chorherr den Blog von Harald Walser, dem neuen Bildungssprecher der Grünen. Er bloggt, seit er zum Bildungssprecher gewählt wurde, und auch er machte gute Erfahrungen durch das Bloggen.
Auf die Frage, wer denn den Grünen Twitteraccount führte, und ob man denn noch nie etwas von Antworten gehört hatte, meinte auch Chorherr durchaus kritisch, das man so etwas eigentlich lassen sollte, denn Twitter ist eine Infrastruktur für Dialoge. Er selbst wehrt sich zurzeit noch etwas gegen Twitter, und es dauerte schon lange, bis er sich zu Facebook überreden konnte. Seine Tochter hat es geschafft, und seit drei Wochen ist er auf Facebook nun angemeldet. Und er hat, ohne eine „Freundschaftsanfrage“ an irgendjemanden zu schicken, schon 128 Freunde. In drei Jahren schätzt er die „Freundschaften“ mit ihm auf 2000.
Barack Obama, so Chorherr, verändert die Politik von Grund auf. Er hat 8 Millionen Supporter (umgerechnet auf Österreich wären das 150.000 Leute) – Und es war noch nie so leicht, Parteien zu organisieren. Durch die Supporter bekommt man unglaubliche Möglichkeiten und auch Macht. Als besonders wichtig sah er es an, dass endlich einmal die Grünen, welche in der EU arbeiten, zu Bloggen beginnen. Dadurch wäre das Thema EU nicht mehr so „abgehoben“.
In der anschließenden Nachbesprechung mit ungefähr fünfzehn Leuten setze man die Diskussion fort. Abschließend kann ich nur ein sehr positives Resumée machen. Christoph Chorherr ist ein sehr engagierter und interessierter Politiker. Und er zeigt schon mal vor, wie Politik 2.0 aussehen könnte.
Und außerdem möchte ich mich noch bei den Organisatoren des BarCamps, Dieter Zirnig, Michaela Amort und Max Kossatz, ganz herzlich bedanken. Es war ein großartiges BarCamp, mit großartigen Leuten, einigen super Vorträgen und einem unglaublich guten Catering.
Eingetragen unter:Web 2.0 , Die Grünen, BarCamp, Christoph Chorherr, bcv08, Grüne
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