
Dieter Zirnig (NEUWAL.com) und Max Kossatz (wahl08.wissenbelastet.com) starteten gleich zu Beginn des BarCamps um 10:45 Uhr mit ihrer gemeinsamen Session „Wahlkampf 2.0″. Die Plätze waren vollkommen befüllt, und mittendrin auch der im Wiener Gemeinderat und Landtag vertretene Politiker der Grünen, Christoph Chorherr [Blog], welcher morgen auch eine eigene Session zum Thema „Wahl 08″ abhalten wird.
Max Kossatz begann seinen Vortrag mit dem Blick auf den aktuellen Stand. Die „Neue Politik“, die sogenannte Jugendplattform der SPÖ wurde seit dem 28. September, dem Wahltag, nicht mehr upgedatet (bis auf das „Danke“). Wilhelm Molterer twitterte, während eines Interviews nach der Wahl – darin sieht Max das große Unverständnis. Es ist schon klar, dass Wilhelm Molterer nicht so oft selbst twittern konnte, aber es wäre besser (und authentischer) gewesen, man hätte es angefügt, dass einer seiner Leute das für ihn macht (und deswegen bei Twitpic-Fotos jedes Mal Wilhelm Molterer mit drauf war).
UPDATE: Hier auch noch schnell das Video mit den bei der Präsentation verwendeten Bildern. Das Video vom gesamten Vortrag kommt auch demnächst online.
„Das Internet ist die Rache der WählerInnen an den PolitikerInnen“ (von wem dieses Zitat stammt, werde ich noch herausfinden)
Die grundlegende Frage ist: Können Politiker authentisch sein? Wilhelm Molterer (oder der Typ, der seinen Twitteraccount führte) hat sich nach der Wahl und dem Wechsel an der ÖVP-Spitze von seinen 158 Verfolgern (Followern; Leute, die seine Twitternachrichten lesen und mitverfolgen) einzeln verabschiedet. Da wirkte der Account zum ersten Mal, für Max, authentisch.
Weiters fragt Max: Müssen Politiker Angst haben? Und sind Politiker kritikfähig? Bei den Videos der SPÖ auf YouTube z.B. war es unmöglich Kommentare zu schreiben. Und nach einer Kritik eines ÖVP-Stammwählers an Wilhelm Molterers wilder Gestikulation wurde anschließend das Gästebuch auf der Wilhelm-Molterer-Seite gesperrt.
Als positives Beispiel im Wahlkampf 2.0 hebt Max die Plakataktion der Grünen hervor. Christoph Chorherr hatte mit Helge Fahrnberger [Blog] eine Aktion gestartet, in der jeder sein eigens kreiertes Plakat für die Grünen einschicken konnte. Die Resonanz war großartig, und es entstand auch der wichtige und von vielen gewünschte Diskurs. Auch wenn die Art des Votings (als Advertorial auf der derStandard.com-Seite) kritisiert wurde.
Die Grünen zeigen aber auch ihre Fehler: Ihr Twitter-Account diegruenen_at [Twitter] verfolgen z.B. keine einzige Person. Doch das ist gerade das Grundprinzip von Twitter, Diskussion, Antworten auf Fragen, Aufforderungen. Und weiters haben die Grünen auch mit ihrer Klingelton-Aktion, kurz nach der hervorragenden Idee mit den Plakaten, einen Fehler gemacht, da die Resonanz darauf nur sehr klein war.
Für das Liberale Forum waren 4 Wochen Wahlkampf 2.0 zu kurz. Die Grundidee ist großartig, nur stellte sich ab der Zach-Affäre eine Kommunikationsdesaster heraus. Kommentare wurden gelöscht, es wurde verneint; dann die medienwirksame Pressekonferenz, der Rücktritt Zachs und dann die Bestätigung auf dem Blog.
Überhaupt nicht vertreten mit Web 2.0 Angeboten waren die Wahlsieger FPÖ und BZÖ. Einige Auftritte anderer Parteien wie die MySpace-Seite der Grünen oder der szene1-Account des LIF kritisierte Max ebenfalls. Durch seine Wahlbeobachtung hat er auch gesehen, dass sich die Seite der KPÖ die ganze Zeit nicht verändert hat. Sozusagen eine statische Seite, unverändert vom Anfang bis zum Ende des Wahlkampfes.
Als gutes Beispiel nannte Max die Plattform „wahltotal.at“ [Seite] … dort konnten User Fragen einschicken, und die Politiker antworteten teilweise mit Videobotschaften. Dadurch wurden Politiker um einiges authentischer dargestellt als mit ominösen Twitter-Accounts.
Max war selbst überrascht von der Aufmerksamkeit, die seine Medienbeobachtung wahl08.wissenbelastet.com erzeugte. Er hatte 200-400 Besucher pro Tag, Zeitungen und Parteien kamen auf seine Seite. In einer Zusammenfassung seiner Beobachtung, möchte ich herausheben, dass ungefähr ab dem 1. September mehr Blogeinträge als News ihren Weg zu wahl08.wissenbelastet.com fanden. Bei den Blogs waren die Grünen und das LIF stark, bei Flickr die SPÖ, bei YouTube die ÖVP, bei den OTS-Nachrichten Faymann und bei den News Haider.
Interessant ist außerdem, dass in Blogs zum Thema Inflation und Teuerung vor allem „Familienbeihilfe“ und „Grundnahrungsmittel“ zum Thema wurden, in News zum gleichen Thema nannte man zumeist „Inflationsgipfel“ und „Teuerung“. Sozusagen könnten sich die Politiker an den Blogs orientieren, was die Leute interessiert. Mit 5.579 Blogeinträge erreicht man ungefähr 0,5 Millionen Leute.
Dieter Zirnig wollte mit Neuwal.com etwas Neues ausprobieren. Politik aus einer anderen Sicht. Wie ist das Medienecho? Er wollte austesten. Wie sehr wird das angenommen? Sein Glück, so Dieter, war, schon sehr bald zu starten. Seine Ziele waren niedrig gesteckt: mind. 200 Visits am Tag, 1 Interview mit Werner Faymann, und eine Erwähnung in einem Printmedium. Er schaltete keine Werbung.
Die meisten kamen auf Neuwal durch die Suchbegriffe „Wahlwerbung“, „Wahlplakat“ und „Wahlslogans“. Erwähnt wurde Neuwal in der Ausgabe des Standards vom 3. September und in der Ausgabe 37 des Profils. Außerdem erhielt er eine Einladung vom ORF zu den TV-Diskussionen, welche noch weitere neue Möglichkeiten eröffnete. Dadurch entstanden wöchentlich mehr und mehr Visitis. Am 3.9 über 1000, am 22.9 mehr als 2.600 und am 28.9 der Höhepunkt mit 3400 Besuchern.
Häufigster abgefragter Content waren die Wahlumfragen und mit weitem Abstand auf Platz 3 (Platz 2 war die Startseite von Neuwal.com) die Wahlprogramme, für die ich verantwortlich war. 55% der Leute kamen über Suchmaschinen und 45 % über Twitter, Links, RSS-Feeds usw.
Auf die Frage, ob er das Projekt wieder machen würde, antwortete er mit einem Ja. Ich wär natürlich gerne wieder dabei. Nur er sagt, er würde mehr Schreiberlinge brauchen.
Eingetragen unter:Web 2.0 , Dieter Zirnig, Max Kossatz, Christoph Chorherr, Neuwal.com, wissenbelastet, Wahl 08
[...] hat eine sehr gute Zusammenfassung unserer Session und der Session von Christoph Chorherr geschrieben, ich hoffe die Diskussion geht [...]
[...] die Mitarbeit bei NEUWAL und die Vorträge auf dem letzten BarCamp in Wien [Bericht 1, Bericht 2] habe ich den Wahlkampf zur Nationalratswahl im Web 2.0 [Max fasst zusammen] beobachtet. [...]